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Trümmerfrauen in Kassel?

Die Organisation der Trümmerbeseitigung in Kassel zwischen 1943 und 1955 Personen, Organisationen und politische Praxis

Laufzeit: 01.01.2022 – 31.12.2023
Bearbeiterin: Helke Dreier
gefördert von: Stadt Kassel

 

Zum Hintergrund
1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, begannen die Frauen in Deutschland, die Trümmer einer (männlichen) Politik aufzuräumen. Mit bloßen Händen, Schubkarren und Spitzhacken bargen sie Ziegel für den Wiederaufbau und beseitigten so, freiwillig und ohne Zwang, die äußeren Anzeichen einer gescheiterten und blutigen Diktatur. So oder so ähnlich sind die Erzählungen über die Anfänge der Trümmerbeseitigung in deutschen Städten der Nachkriegszeit. Die dazugehörenden Abbildungen und Fotoserien scheinen diese Sichtweise zusätzlich zu bestätigen.

Neuere Forschungen, vor allem der Historikerin Leonie Treber ("Mythos Trümmerfrauen", Essen 2014) haben jedoch gezeigt, dass an diesen Erzählungen vieles krumm und schief ist, was vor allem damit zusammen hängt, dass sich ein ganz bestimmtes Bild von Trümmerfrauen in das kollektive Gedächtnis der Nachgeborenen eingebrannt hat und alles überdeckt, was mit der tatsächlichen Arbeit der Trümmerbeseitigung zu tun hatte. Dieses schiefe Bild konnte aber auch deshalb entstehen, weil über die tatsächliche Arbeit des Trümmerns noch relativ wenig bekannt ist.

 

Zur Stadt Kassel
Die Stadt Kassel ist hier keine Ausnahme, was erstaunlich ist, da die Zerstörung und der Wiederaufbau bis heute ein wichtiger Baustein der kollektiven Stadtidentität ist. So wird einerseits jedes Jahr am 22. Oktober an den großen Bombenangriff von 1943 erinnert, der die gesamte Innenstadt zerstörte und viele Menschenleben kostete, und andererseits wird dem Wiederaufbau Kassels als moderne und autofreundliche Stadt ein wichtiger Platz in der Stadtgeschichte eingeräumt. Trotzdem ist auch in Kassel die konkrete Trümmerarbeit bisher nicht beleuchtet worden.

Hier setzt das Forschungsprojekt an und fragt nach der konkreten Praxis der Trümmerräumung. Gab es die berühmten Trümmerfrauen in Kassel und wer trümmerte ab wann wie noch und vor allem wie lange dauerten die Aufräumarbeiten? Diese Fragen wollen wir mit Hilfe von Interviews, Zeitungsrecherche und historischem Quellenmaterial untersuchen. Unser Untersuchungszeitraum beginnt bereits in den 1940er Jahren, denn Kassel erlebte seine schwerste Zerstörung zwar am 22. Oktober 1943, die Stadt wurde aber bereits ab 1940 angegriffen – bis 1945 gab es insgesamt 40 weitere Luftangriffe. (vgl. Werner Dettmar: Die Luftangriffe auf Kassel 1940 bis 1945, in: Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte, hrsg. von Jens Flemming und Dietfrid Krause-Vilmar, Marburg 2013, S. 550.) Das heißt, dass die Trümmerbeseitigung bereits vor 1945 einsetzte. Als Ende des Untersuchungszeitraums kann das Jahr 1955 gelten, als mit der Ausrichtung der Bundesgartenschau und der ersten documenta die Aue wieder hergestellt und vor allem der Rosenhang, der aus den Trümmern der Stadt aufgeschüttet worden war, befestigt und begrünt worden war. Mit diesem Schritt und der zuvor gelungenen Enttrümmerung der zerstörten Altstadt endete wohl die direkte Trümmerräumung in Kassel. Bis zum Auf-, Aus- oder Neubau beschädigter Gebäude dauerte es allerdings noch sehr viel länger.

Schon jetzt zeigt sich eines recht klar: Die Trümmerbeseitigung verlief vermutlich in unterschiedlichen Phasen und es waren in diesen auch unterschiedliche Personengruppen beteiligt – darunter auch die sogenannten Trümmerfrauen. Das Projekt schließt mit einer Publikation ab.

Ansprechpartnerin

Dr. Kerstin Wolff (Projektleitung)

Helke Dreier (Projektbearbeitung)


Interviewpartner:innen und Hinweise gesucht!

Sie haben Erinnerungen, Dokumente oder Hinweise auf die Praxis der Trümmerbeseitung in Kassel. Wir freuen uns auf Ihre Hinweise und suchen Zeitzeug:innen! Melden Sie sich gerne bei Helke Dreier per Email oder telefonisch im AddF unter 0561-9893670.


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