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Neue Serie über Minna Cauer (1841-1922)

#100JahreCauer, Folge 4

Grenzgängerin zwischen den Frauenbewegungen

Minna Cauer empfand sich als Republikanerin, ihr Engagement in der Frauenbewegung war für sie ein Einsatz für die Demokratie. Folgerichtig machte sie, gemeinsam mit den anderen Frauen des radikalen Flügels, immer wieder Vorstöße, um das gemeinsame Vorgehen von bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung zu erreichen. „Die Radikalen wollten nicht nur f ü r die Arbeiterinnen irgend etwas erstreben, sondern auch gemeinsam m i t ihnen kämpfen für die Befreiung der Arbeiterin als Frau.“ Obwohl sie Mitstreiterinnen wie Lily Braun, Lina Morgenstern und Jeanette Schwerin hatte, scheiterte Minna Cauer mit diesem Anspruch sowohl 1894 bei der Gründung des Dachverbandes Bund Deutscher Frauenvereine als auch zwei Jahre später bei der Organisation des Internationalen Kongresses für Frauenwerke und Frauenbestrebungen in Berlin. Die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen blieben unter sich, die Sozialistinnen grenzten sich ab, die von Clara Zetkin propagierte „reinliche Scheidung“ war unüberwindlich. Es galt „für die Radikalen in der Arbeiterinnenfrage nach rechts die Gleichgültigkeit und Ängstlichkeit der bürgerlichen Frauen, nach links hin das planmäßig gesäte Mißtrauen zu überwinden“. Das ist Minna Cauer nicht gelungen, aber sie blieb lebenslang eine Grenzgängerin. In ihrer Zeitschrift Die Frauenbewegung brachte sie relevante Themen in die öffentliche Debatte ein und ließ Mitkämpferinnen zu Wort kommen. Und sie pflegte den persönlichen Kontakt zu Clara Zetkin, die sie sehr schätzte. „Heute war Frau Zetkin vier Stunden bei mir“ schrieb sie 1912 in ihr Tagebuch, „Welch‘ eine Frau! Ja, wenn wir viele solche Frauen unter uns hätten!“ Und sie kommt zu dem Schluss: „Im Grunde bin ich Sozialistin … Auch ich glaube an die Macht der Masse … und die Aufgabe unserer Zeit ist es, die Masse zu erziehen.“

Zitat 1: Lüders, Else: Der linke Flügel, Berlin 1913, S. 59.
Zitat 2: Ebd.
Zitat 3: Lüders, Else: Minna Cauer. Leben und Werk dargestellt an Hand ihrer Tagebücher und nachgelassenen Schriften, Gotha 1925, S. 159, zit. nach Dagmar Jank: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/minna-cauer (09.02.2022).


#100JahreCauer, Folge 3

"Ein neuer Geist, ein lebhafteres, frischeres Tempo"

Ende der 1880er Jahre wurden Minna Cauer und der Verein Frauenwohl in der bürgerlichen Frauenbewegung zum Sprachrohr der ‚Radikalen‘ gegenüber den ‚Gemäßigten‘. Die jüngere Generation begann aufzubegehren – der „linke Flügel“ formierte sich. Diese Jungen – neben Cauer z.B.  Lida Gustava Heymann, Anita Augspurg, Maria Lischnewska, Marie Stritt – forderten mehr Schwung in der Bewegung, hatten aber auch andere Themen im Blick: Neben Bildung und Beruf vor allem die #Sexualmoral und die Rechtsstellung von Frauen. Sie forderten, dass die Reglementierung der Prostitution, Zeichen der herrschenden Doppelmoral, abgeschafft werde. Und das demokratische Frauenstimmrecht war für sie eine Selbstverständlichkeit, sie verlangten es offensiv und kämpferisch. Minna Cauer gab ab 1895 die Frauenbewegung heraus. Mit den Beilagen Zeitschrift für Frauenstimmrecht und Parlamentarische Angelegenheiten und Gesetzgebung bildete sie das wichtigste Forum der radikal-bürgerlichen Frauenbewegung. Hier diskutierten Minna Cauer und die anderen Radikalen zum Beispiel auch ihre Vorstellungen zum Bürgerlichen Gesetzbuch, in dem sie (leider weitgehend erfolglos) Verbesserung zu den Rechten von Frauen durchsetzen wollten. 1899 schlossen sich etwa 20 Vereine – neben Frauenstimmrechtsvereinen auch der Verein Frauenbildung-Frauenstudium und der deutsche Zweig der Internationalen Abolitionistischen Föderation – zum Verband Fortschrittlicher Frauenvereine zusammen. Er sollte „zu allen Gebieten des öffentlichen Lebens Stellung nehmen“ und auch „der Entfremdung von der Arbeiterinnensache Einhalt tun“, sprich den Schulterschluss mit der proletarischen Frauenbewegung suchen. „Es sollte ein Kampfverband sein“, schrieb Minna Cauer, die auch den Vorsitz übernahm. (Cauer, Minna: 25 Jahre Verein Frauenwohl, Berlin 1913, S. 16.)


#100JahreCauer, Folge 2

"Ich stehe inmitten der Frauenbewegung"

Minna Cauer war es nicht in die Wiege gelegt worden, eine radikale Frauenrechtlerin zu werden. Die Pfarrerstochter aus der Prignitz im nördlichen Brandenburg verlebte die typische Kindheit und Jugend einer gutbürgerlichen Tochter. Mit 21 Jahren heiratete sie einen Arzt und bekam einen Sohn - tragischerweise verstarben beide nach wenigen Jahren. Minna Cauer wurde Lehrerin, arbeitete einige Zeit in Paris und ging dann nach Hamm in Westfalen. Dort schloss sie 1869 eine zweite Ehe mit dem Historiker und Pädagogen Eduard Cauer, der ihr fortschrittliche pädagogische Ideen und die Anliegen der bürgerlichen Frauenbewegung nahebrachte. 1871 folgte sie ihrem Mann nach Berlin, wohin er als Stadtschulrat berufen worden war und wo er später eine Broschüre zur höheren Mädchenschule und zur Lehrerinnenfrage publizierte. Minna Cauer näherte sich der Frauenbewegung nur zögerlich und erst Jahre später an, nachdem sie wiederum Witwe geworden war, dann jedoch mit energischem Einsatz. 1887 unterstützte sie Helene Lange bei der Gelben Broschüre, mit der die Verbesserung der Mädchenbildung eingeklagt wurde. Wenig später gründete sie den Verein Frauenwohl mit,der ebenfalls für bessere Frauenbildung kämpfte und „neues frisches Leben in die damals vorhandene Stagnation der Frauenbewegung“ tragen wollte. Mit dem Vereininitiierte Minna Cauer unter anderem 1893 eine der Keimzellen professioneller Sozialarbeit, die Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit, wo sie mit Jeanette Schwerin und Alice Salomon zusammentraf. Doch dann widmete sie sich mehr und mehr dem Kampf um die Rechtsstellung der Frauen und wandte sich gegen die bürgerliche Doppelmoral, wie sie in der Reglementierung der Prostitution zum Ausdruck kam. Mitte der 1890er Jahre war Minna Cauer dann tatsächlich mitten in der Frauenbewegung angekommen!

 


#100JahreCauer, Folge 1

"Schaffe und hoffe!"

Das Jubiläum des 125. Geburtstages von Elisabeth Selbert ist vorbei – doch das ist für uns kein Grund, den Blick von den Protagonistinnen der Frauenbewegung zu nehmen. Lieber möchten wir ihn auf eine andere Akteurin richten und in die spannenden Momente ihres Lebens eintauchen. In diesem Jahr werden wir in unserer neuen Serie anlässlich ihres 100. Todestages die Pädagogin, Journalistin und radikale Frauenrechtlerin Minna Cauer vorstellen.

Minna Cauer verbrachte eine klassische Kindheit und Jugend als bürgerliche Tochter. Erst durch ihren zweiten Ehemann, einen fortschrittlichen Pädagogen, geriet die Frauenbewegung in ihr Blickfeld und einmal auf das Gefälle im Geschlechterverhältnis aufmerksam geworden, griff sie energisch ein. Sie thematisierte Fragen der Mädchen- und Frauenbildung, aber auch die Durchsetzung des Stimmrechts, die Reglementierung der Prostitution und noch manches andere.

Als sich der radikale Flügel formierte – neben Cauer z.B. Lida Gustava Heymann, Anita Augspurg, Helene Stöcker und Maria Lischnewska – und zum Verband Fortschrittlicher Frauenvereine zusammenschloss, war sie dabei. Über 25 Jahre gab sie die Zeitschrift Die Frauenbewegung (1895 – 1919)als dessen wichtigstes Forum heraus und sie suchte auch den Kontakt zu den Sozialistinnen, insbesondere zu Clara Zetkin.

Aber Minna Cauer beschränkte sich nie auf die Frauenbewegung. Sie gehörte der von Bertha von Suttner gegründeten Deutschen Friedensgesellschaft an, und als Frauen 1908 endlich politischen Parteien beitreten durften, engagierte sie sich in der Demokratischen Vereinigung.

Im Abschiedsartikel des letzten Heftes der Frauenbewegung nennt sie ihr Lebensmotto: „Schaffe und hoffe!“ Freut euch auf diese spannende Protagonistin der alten Frauenbewegung!

Ansprechpartnerin

Laura Schibbe